Einblicke in die Werkstatt einer Übersetzerin im Literaturhaus Heilbronn

Unter dem Motto „WORT-WELTEN Übersetzen verbindet“ fanden vom 9. bis zum 15. Mai 2022 nach zweijähriger pandemiebedingter Pause die 13. Baden-Württembergischen Übersetzertage in Heilbronn statt. Das Team des Literaturhauses und der Stadtbibliothek erstellte ein abwechslungsreiches Programm, um den Besucherinnen und Besuchern die Welt der, hauptsächlich literarischen, Übersetzerinnen und Übersetzer näherzubringen und vielfältige Einblicke in deren Handwerk zu ermöglichen.

Am 10. Mai ging es dann aber um das Übersetzen von Alltags- und Gebrauchstexten, im Vortrag unserer Kollegin, Regina Seelos, mit dem Titel „Ein- und Ausblicke aus der Werkstatt einer Übersetzerin“.

Pünktlich um 16.00 Uhr begrüßte Dr. Anton Knittel, der Leiter des Literaturhauses, das interessierte Publikum im wunderschönen Trappenseeschlösschen und stellte zunächst die Präsentantin aus Flein vor, die seit ca. 25 Jahren in den Bereichen Wirtschaft, Recht und Unternehmenskommunikation ins und aus dem Englischen übersetzt.

Übersetzen ist Handwerk

Regina startete dann mit den Einblicken in ihre Übersetzerwerkstatt und bezeichnete ihre Tätigkeit als tatsächliches Handwerk, wobei ihre Werkzeuge aus Fachwörterbüchern, Translation-Memory-Programmen und mittlerweile einem Engine für maschinelles Übersetzen, bestehen. Sie gab einen Überblick über die Texte, die sie für Ihre Kunden – Firmen, Gerichte, Übersetzungsagenturen und Privatpersonen – aus der und in die Fremdsprache überträgt. Dies sind u.a. Bedienungsanleitungen, Verträge, Broschüren, Unternehmenskommunikation aller Art sowie Gerichtsurteile oder Urkunden und Zeugnisse.

Spezialisierung hilft

Besonders betonte sie, wie wichtig es sei, sich auf bestimmte Fachgebiete zu spezialisieren und sich ein fundiertes Fachwissen hierin anzueignen. Zum einen generiere das eine höhere Rentabilität der Übersetzung, da die erforderliche Recherchearbeit reduziert werden könne und zum anderen sei es, zum Beispiel beim Übersetzen von Gebrauchsanweisungen, unerlässlich verstanden zu haben, wie ein bestimmtes Gerät arbeitet, um die Funktionsweise auch in einer anderen Sprache verständlich wiedergeben zu können. Sie selbst nehme aus diesem Grund beispielsweise u. a. keine medizinischen Übersetzungen an. In ihren Fachgebieten bilde sie sich aber regelmäßig, vor allem bei Seminaren des BDÜ, weiter.

Für Übersetzerinnen und Übersetzer sei, nicht zuletzt bei Rechts- und Werbetexten, ein Verständnis für die Ausgangs- und Zielkultur bzw. die Unterschiede zwischen den beiden sehr wichtig, da sie nicht lediglich Wörter von einer Sprache in eine andere übertrugen, sondern die Texte für unterschiedliche Kulturen verständlich machten. Dies könne beim Übersetzen zu einer richtigen Herausforderung werden, wenn zum Beispiel ein bestimmtes Konzept wie Eigentum vs. Besitz in der Zielkultur so gar nicht existiere. Ein längerer Aufenthalt im Land der Fremdsprache sei daher sehr sinnvoll und empfehlenswert. Sie selbst lebte einige Zeit in Kanada.

Regina berichtete auch, wie viel Spaß der Beruf ihr bereite und wie kreativ sie bei ihrer Arbeit sein könne, wenn sie zum Beispiel Werbetexte übersetzt. Dabei brüte sie auch schon mal bis zu einer Stunde, um für ein bestimmtes Buzzword oder ein geflügeltes Wort die absolut treffende Entsprechung in der anderen Sprache zu finden.

Zukunft des Übersetzerberufs

Was die Ausblicke aus ihrer Werkstatt angeht, so ist sich Regina sicher, dass trotz der Weiterentwicklung der maschinellen Übersetzung, die Übersetzung durch Fachübersetzer nicht überflüssig werde. Der Markt wachse weiterhin und biete auch in Zukunft ein großes Potenzial. Und auch als Kontrollinstanz seien Fachleute weiter vonnöten.

Der Übersetzerinnen- und Übersetzernachwuchs sei ebenfalls gesichert, da man an verschiedenen Bildungseinrichtungen einen Berufsabschluss machen könne. Neben den Berufsakademien, wie der Würzburger Dolmetscherschule oder dem SDI in München, bieten auch viele Hochschulen mittlerweile Bachelor- und Masterstudiengänge im Übersetzen an. Allerdings findet Regina, seien einige von ihnen zu sehr theoretisch orientiert.

Im Anschluss an Reginas Vortrag nutzte das Publikum die Gelegenheit der Expertin noch zahlreiche Fragen zu stellen. Zum Beispiel, ob es schon vorgekommen sei, dass sie die Übernahme eines Auftrags aus ethischen Bedenken ablehnte, was sie jedoch verneinte. Oder was passiere, falls eine Übersetzung fehlerhaft wäre und der Kunde diese reklamierte oder die Übersetzerin oder den Übersetzer für einen entstandenen Schaden haftbar mache. Woraufhin Regina erklärte, dass sie für solche Fälle eine Berufs- und eine Vermögensschadenhaftpflichtversicherung habe, die man u.a. auch über den BDÜ abschließen könne.

Auch die Gründe für den geringen Verdienst der Literaturübersetzer wurde noch intensiv diskutiert.

Abschließend kann ich sagen, dass es eine sehr informative und gelungene Veranstaltung war und dass Regina dem Publikum in ihrer wunderbaren ruhigen und authentischen Art sehr gut vermitteln konnte, was es heißt, als Übersetzerin oder als Übersetzer zu arbeiten.

Autorin: Michaela Bamberger

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